Countdown zur drupa 2012: Mittelständler als Weltmarktführer

Interview mit Peter Kuisle; Leiter Vertrieb, Service und Marketing der manroland web systems. Das Unternehmen mit Sitz in Augsburg ist eine der beiden Nachfolgegesellschaften der manroland AG. Er spricht über die künftigen Herausforderungen und Pläne sowie die Vorteile eines mittelständischen Unternehmens.

Herr Kuisle, manroland web systems ist die Rollendrucksparte, die aus der Insolvenz von manroland als eigenständiges Unternehmen entstanden ist. Viele in der Branche zweifeln, dass das Unternehmen die hinreichende Größe hat, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können. Wie sehen Sie das?

Kuisle: Lassen wir doch einfach die Fakten sprechen. Wir sind immer noch der größte Hersteller von Rollendruckmaschinen auf der Welt. Wir haben heute einen Marktanteil von mehr als einem Drittel. Hinzu kommt, dass wir nun die richtige Unternehmensgröße haben, um uns auf die Marktbedürfnisse einzustellen. Wir haben uns im Zuge der Insolvenz verkleinert und haben jetzt die ideale Größe. Denn der Weltmarkt ist ja geschrumpft. Bis vor ein paar Jahren hatte er für Rollendruckmaschinen ein Volumen zwischen zwei und 2,2 Milliarden Euro. Im Krisenjahr 2009 ist dieses Volumen auf etwa 640 Millionen Euro eingebrochen. In den letzten drei Jahren bewegte sich das Niveau dann zwischen 650 und maximal 700 Millionen Euro. Wir sind schlanker geworden und haben als Mittelständler jetzt die richtige Größe, um die Märkte weltweit zu bedienen. Da wir unsere Größe an den Markt angepasst haben, werden wir auch in schwierigen Zeiten schwarze Zahlen schreiben können.

Haben sie als Mittelständler denn auch noch die nötigen finanziellen Mittel für Forschung und Entwicklung?

Kuisle: Wir haben das jüngste Produktprogramm in der ganzen Branche. Keines unserer Produkte ist älter als zwei Jahre. Das ist schon einmal eine gute Ausgangsposition. In Zukunft werden wir nicht mehr alles auf einmal neu entwickeln können, wie wir das früher gemacht haben, sondern der Reihe nach. Wir haben Plattformen entwickelt und sind so in der Lage modular zu arbeiten. Wir werden also modulare Varianten anbieten. Dadurch reduzieren wir den Aufwand für Forschung und Entwicklung erheblich.

Haben Sie denn noch die nötigen Fachleute?

Kuisle: Wir mussten durch die Insolvenz viele Leute gehen lassen, auch gutes Fachpersonal. Aber die Spitzenkräfte haben wir an Bord halten können. Wir haben heute etwa 1.400 Beschäftigte an unserem Firmensitz in Augsburg. Die restlichen ca. 100 Mitarbeiter bei unseren eigenen Marktorganisationen für Vertrieb und Service sind in der ganzen Welt tätig.

manroland web systems und manroland Sheetfed Systems haben immer noch einen gemeinsamen Vertrieb. Macht das überhaupt Sinn?

Kuisle: Wir sind gerade dabei zu sortieren, wo wir gemeinsame Vertriebsplattformen weiterführen und wo wir eigene Wege gehen werden. In England haben wir bereits eine eigene Vertriebsgesellschaft. In Nordamerika haben wir vor kurzem eine eigene Vertriebsgesellschaft gegründet. In Indien und Australasia vertreten wir neben unseren Produkten auch die Bogendruckmaschinen von manroland systems. Bis zur drupa werden wir den für uns relevanten Markt etabliert haben.

Aber auf der drupa haben Sie noch einen gemeinsamen Stand?

Kuisle: Nicht gemeinsam, sondern nebeneinander. Das liegt schon daran, dass niemand bei der Bestellung der Standfläche für die diesjährige drupa die Entwicklungen voraussehen konnte. Wir treten also halbgemeinschaftlich auf. Es macht keinen Sinn, gedanklich oder tatsächlich eine Mauer hochzuziehen. Schließlich sind wir nach wie vor Kollegen.

Wie groß sind aus Ihrer Sicht die Chancen für manroland web systems, eigenständig zu bleiben?

Kuisle: Da bin ich sehr zuversichtlich. Unser neuer Eigentümer, die Possehl-Gruppe, ist finanzstark genug, um uns in unserer Geschäftsstrategie zu unterstützen. Die Gruppe ist überdies ausdrücklich an einem langfristigen Engagement interessiert. Als klassischer Mischkonzern setzt sie bei ihren Investments auf Diversifizierung und sichert so die Dividendenzahlungen an die Stiftung ab, die Eigentümerin der Gruppe ist. manroland web systems passt sehr gut ins Portfolio der Possehl-Gruppe­. Wir haben den optimalen Eigentümer gefunden.

Als Hersteller von Rollendruckmaschinen sind Sie in hohem Maße abhängig vom Publikationsdruck. Der geht aber in vielen Ländern zurück. Wie stellt sich die Lage in den USA dar, dem einst größten Markt?

Kuisle: Die USA sind immer noch ein sehr wichtiger Markt, wenn man die Größe der installierten Basis betrachtet. Aber das Neugeschäft ist in den vergangenen drei Jahren tatsächlich sehr geschrumpft. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, wann dort auch wieder in Neumaschinen investiert wird. Bis dahin konzentrieren wir uns auf Umrüstungen und Modernisierungen, damit alte Maschinen länger in Betrieb bleiben können.

Dem Hersteller von Bogendruckmaschinen steht bei einem Rückgang des Publikationsdrucks der Ausweg Verpackungsdruck offen. Das geht mit Rollenoffsetmaschinen nicht. Suchen Sie auch alternative Geschäfte?

Kuisle: Wir sind schon dabei, Nischenfelder zu finden, in denen wir unser Know-how einbringen können. Diese Felder haben alle etwas mit Drucktechnik zu tun. Wir halten nichts davon, in vollkommen fremde Branchen zu gehen, auch wenn das technisch durchaus möglich wäre. Die Toleranzen sind, zum Beispiel, in der Druckmaschinenbranche weit enger, als in anderen Branchen des Maschinenbaus.
Wir wollen unsere Kernkompetenz ausbauen. Dann sehen wir auch weitere Geschäftschancen im Rollenbereich. Bestes Beispiel ist hier unsere Kooperation mit OCÉ, wo wir bereits während der drupa und auch dem Print Summit in Poing bei München erste gemeinsame Produkte und Entwicklungen zeigen werden.

Warum hat Druck Zukunft?

Kuisle: Druck hat Zukunft, weil er ein fester Bestandteil der Medien ist und bleiben wird. Druck hat außerdem in vielen Bereichen deutliche Vorteile gegenüber, beispielsweise, elektronischen Medien. Druck liefert einen haptischen Eindruck, ist dreidimensional und bleibt, was viele Studien belegen, länger in der Erinnerung.

Die drupa ist 60 geworden. Wird es in 60 Jahren noch eine drupa geben?

Kuisle: Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in ferner Zukunft eine Leitmesse für die graphische Industrie und die Medienindustrie geben wird. Diese Plattform wird aber sicher anders aussehen als heute. Man muss die Leitmesse so gestalten, dass sie für Aussteller und Kunden attraktiv ist. Deshalb wird man sicher hinterfragen, ob die drupa tatsächlich ganze zwei Wochen dauern sollte. Oder ob es richtig ist, sie im Vier-Jahres-Turnus zu veranstalten.

Was ist seit der Erfindung des Buchdrucks die wichtigste Weiterentwicklung in der Drucktechnik?

Kuisle: Im Grunde ist das die fortschreitende Automation – und zwar von Beginn an. Jeder große Schritt in der Automation bringt die Drucktechnik nach vorne. Das war mit der Erfindung der dampfgetriebenen Druckmaschinen nicht anders als mit den Vorteilen, die die Elektronik für die Optimierung des Druckprozesses brachte. Das Grundprinzip des Druckens hat sich nicht verändert, aber die Art und Weise, wie produziert wird, hat sich dramatisch verändert.

[Quelle: VDMA]

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